Vierzig Jahre nach der Challenger-Katastrophe bereitet die NASA den Start von Artemis II vor, ihrer ersten bemannten Mission außerhalb der Erdumlaufbahn seit 1972. Das ehrgeizige Programm, das darauf abzielt, Menschen zum Mond zurückzubringen, trägt die Last vergangener Misserfolge und erneuter Sicherheitsbedenken. Während die NASA darauf besteht, dass die Lehren aus Challenger und Columbia ihre Prozesse gestärkt haben, bleibt die Frage offen, ob Kostendruck und Zeitpläne die Gründlichkeit beeinträchtigen.
Der Schatten vergangener Tragödien
Die Challenger-Explosion im Jahr 1986, bei der sieben Astronauten ums Leben kamen, legte kritische Mängel in der Entscheidungsfindung und technischen Aufsicht der NASA offen. Die Katastrophe war auf defekte O-Ringe in den Feststoffraketen-Boostern zurückzuführen und wurde durch eine Kultur verschärft, die Startplänen Vorrang vor Sicherheitswarnungen einräumte. Die Tragödie hätte das Space-Shuttle-Programm beinahe zum Scheitern gebracht und eine dreijährige Pause für Untersuchungen und Neugestaltung erzwungen.
Ähnliche Probleme traten nach der Columbia-Katastrophe 2003 auf, was die Notwendigkeit einer strengen Risikobewertung und transparenten Kommunikation verstärkte. Heute behauptet die NASA, sie habe sich grundlegend verändert, wobei Tracy Dillinger, Programmmanagerin für Sicherheitskultur bei der NASA, erklärt, dass „Aspekte der Agentur, die hoffentlich nicht mehr existieren“, kontinuierlich angegangen werden. Allerdings bleibt die Skepsis bestehen.
Hitzeschildprobleme und zweckmäßige Lösungen
Die dringendste Sorge gilt derzeit dem Hitzeschild des Orion, der für den Schutz der Astronauten beim Wiedereintritt von entscheidender Bedeutung ist. Ein unbemannter Testflug im Jahr 2022 ergab eine unerwartete Ablation, bei der Teile des Schildes abbrachen. Die von der NASA vorgeschlagene Lösung ist keine Neukonstruktion, sondern eine veränderte Flugbahn: ein steilerer, schnellerer Abstieg in die Atmosphäre. Kritiker argumentieren, dass dadurch die Lösung des Grundproblems vermieden und der Geschwindigkeit Vorrang vor umfassenden Sicherheitsmaßnahmen eingeräumt wird.
Die Entscheidung, vor der Entsendung von Astronauten keine weiteren Hitzeschildtests durchzuführen, wirft die Frage auf, ob das „Startfieber“ – ein Druck, Termine ungeachtet des Risikos einzuhalten – wieder aufkommt. Jordan Bimm, Weltraumhistoriker an der University of Chicago, weist darauf hin, dass Artemis mit seinem Preis von 93 Milliarden US-Dollar einen inhärenten Druck erzeugt, das Programm am Laufen zu halten.
Eine sich verändernde Landschaft der Raumfahrt
Die NASA operiert in einem völlig anderen Umfeld als zur Apollo- oder Shuttle-Ära. Die Agentur konkurriert nun mit kommerziellen Raumfahrtgiganten wie SpaceX und Blue Origin, während China und Indien aggressiv ihre eigenen bemannten Missionen verfolgen. Diese Wettbewerbslandschaft erhöht den Druck, Erfolge nachzuweisen und die Finanzierung aufrechtzuerhalten.
Die Bereitschaft der Agentur, Artemis I zu verzögern, um die SLS-Rakete vor einem Hurrikan zu schützen, war ein positives Beispiel und zeigte ihr Engagement zur Vorsicht, wenn dies gerechtfertigt ist. Das Problem mit dem Hitzeschild deutet jedoch darauf hin, dass angesichts von Kosten- und Zeitplanbeschränkungen möglicherweise nicht immer eine ähnliche Vorsicht geboten ist.
Der menschliche Faktor
Die Artemis-II-Besatzung wird die erste seit Jahrzehnten sein, die sich über die Erdumlaufbahn hinauswagt. Ihre Mission ist ein Beweis für den menschlichen Ehrgeiz, aber auch eine deutliche Erinnerung an die damit verbundenen Risiken. Obwohl die internen Untersuchungen der NASA gründlich sind, offenbaren sie oft systemische Probleme, die über technische Fehler hinausgehen – kulturelle Vorurteile, Managementdruck und die Normalisierung von Abweichungen.
Wie Sandra Magnus, eine ehemalige NASA-Astronautin, feststellt, sind diese Untersuchungen noch im Gange, aber die grundlegende Frage bleibt bestehen: Kann die NASA wirklich Innovation mit kompromissloser Sicherheit in Einklang bringen?
Zusammenfassend stellt Artemis II sowohl einen Fortschritt in der bemannten Weltraumforschung als auch einen kritischen Test für das Engagement der NASA dar, aus ihrer Vergangenheit zu lernen. Obwohl die Agentur erhebliche Fortschritte in der Sicherheitskultur gemacht hat, könnte der Druck, in einem wettbewerbsintensiven Umfeld Ergebnisse zu liefern, die Gründlichkeit erneut gefährden. Der Erfolg von Artemis II wird nicht nur von den technischen Fähigkeiten abhängen, sondern auch davon, ob die NASA dem Reiz der Zweckmäßigkeit widerstehen und der Sicherheit der Astronauten Vorrang vor allem anderen einräumen kann.
